Objektivität versus Subjektivität Allgemeingültigkeit gegen Individualität der Sichtweise? Oder von der eigenen Wahrnehmung

In diesem schönen und milden Herbst ist die 4b während des Nachmittagsunterrichts, bei dem Kreativität auf dem Stundenplan steht, abermals im Freien unterwegs. Diesmal steht das Fotografieren mit den Handys oder eigenen Kameras auf dem Programm.

 

Ausgang dieser Art eines Workshops sind folgende Überlegungen:

 

Überwiegend in allen Lerngegenständen von Mathematik angefangen über Fremdsprachen und Deutsch bis zu Physik und an andere Wissenschaften angelehnte Fächer ist es Ziel aller Pädagogen, den Kindern Objektivität zu vermitteln. Ohne Allgemeingültigkeit und Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse funktioniert unsere Welt nicht so, wie sie es zum Glück in der Regel tut. All das beruht auf messbaren, sachlichen und immer wieder überprüfbaren und kontrollierten Grundmustern. Vereinbarungen, Regeln und alltägliche sowie selbstverständliche Abläufe gründen im Allgemeinen auf Objektivität.

 

Wo bleibt dann bitte unter den mittlerweile bald acht Milliarden zählenden Menschen die Individualität? Hält man sich aber die Wahrnehmung des Einzelnen vor Augen, so wird relativ bald klar: Die Dinge passieren zwar, wie sie geschehen, aber Milliarden Augen sehen die Wirklichkeit subjektiv und daher sehr verschieden. Eben mit den eigenen Augen, die einmalig sind.

 

Von dieser Überlegung gehen wir nun aus. Also schnappen sich die Schüler und Schülerinnen nach einigen Beispielen, Erklärungen und sachlichen Grundlagen die Handys und Kameras und streifen durch die Gegend. Was gibt es zu sehen? Farben, Formen, unterschiedliches Licht, Kontraste, Gegensätze und Ähnlichkeiten. Alles ist physikalische Wirklichkeit, aber trotzdem nimmt sich jedes Individuum genau das mit, was unmittelbar für es selbst Bedeutung hat. Genau das gilt es zu schulen: Den nicht nur flüchtigen Blick auf die Welt und die Interpretation des Gesehenen. Deswegen experimentieren wir nun mit dem Blick durch die Linse und der Möglichkeit, einen Augenblick technisch festzuhalten. Welche Rolle spielt das Licht? Wie wirken verschiedene Einstellungen vom Teleobjektiv bis zum Weitwinkel? Was passiert, verändert man die eigene Position? Welche Kleinigkeiten fallen wem auf? Wie verändert der persönliche Standpunkt die Realität und das Bild? All das sind auf den ersten Blick banale Fragen, bergen aber dennoch beinahe philosophische Facetten in sich.

 

Am Ende stehen vielleicht das Nachdenken über die eigene Wahrnehmung und hoffentlich auch die Freude daran, vielleicht im späteren Leben für sich selbst gute Fotos zu machen. Schließlich lässt sich beinahe alles ablichten. Mit Inhalten muss man die Abbildungen selber füllen.

 

Der Lehrausgang verlief übrigens in unbeschwerter Atmosphäre. Einige konkrete Anweisungen, was zu fotografieren sei, waren anfangs noch nötig. Dann entdeckten viele ganz von selbst ihre Motive. Besondere Beachtung wurde zwei großen Kreuzspinnen in ihren Netzen geschenkt. Die hätte wahrscheinlich unter anderen Umständen gar niemand registriert.

 

Fotogalerie

Rosemarie Stepanik + Karin Liedtke